Infobrief der FNR 03/2017: Nachhaltige Erzeugung landwirtschaftlicher Rohstoffe

Treibhausgase beim Mais- und Rapsanbau realistisch bewerten und einsparen

In zwei Projekten untersuchten Forscherteams die Treibhausgas(THG)-Emissionen beim Mais- und Rapsanbau. Sie wollten herausfinden, ob die in Deutschland üblichen Anbauverfahren im Rahmen von Klimaschutzvereinbarungen und Ökobilanzen realistisch bewertet werden. Das Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) widmete sich mit sieben Partnern dem Mais und dabei insbesondere der Düngung mit Gärresten. Mit dem Anbau von Raps beschäftigte sich ein Verbund von acht Partnern unter Koordination des Thünen-Instituts (TI) für Agrarklimaschutz.

Deutschland muss im Rahmen der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU regelmäßig Emissionsberichte erstellen. Dazu und auch für Ökobilanzen werden statistische Durchschnittswerte herangezogen, die u. a. nach der Methodik des Weltklimarats IPCC berechnet werden. Während diese Werte für die Lachgasemissionen (Lachgas ist rd. 300mal klimawirksamer als CO2) des Maisanbaus ziemlich genau mit den Daten aus dem ZALF-Projekt übereinstimmten, überschätzen die Daten des Weltklimarates offenbar - zumindest auf deutsche Verhältnisse bezogen - die Eutrophierung und Versauerung durch Nitratauswaschung und Ammoniakemissionen. Hier empfehlen die Wissenschaftler eine stärkere Berücksichtigung regionalisierter und anhand von Messwerten verifizierter Daten.

Für Biokraftstoffe ist die EU-Richtlinie 2015/1513 relevant: Danach dürfen Biodiesel & Co. ab dem 1.1.2018 nur noch 40% (Altanlagen 50%) der THG-Emissionen von fossilen Kraftstoffen verursachen. Auch hier können Biokraftstoffhersteller vorgegebene Standardwerte für die THG-Bilanz verwenden. Die Arbeiten im TI-Projekt haben nun ergeben, dass diese Werte für den Rapsanbau in Deutschland unrealistisch sind. Die veranschlagte Düngermenge sei zu niedrig, der Lachgasemissionsfaktor insgesamt jedoch trotzdem zu hoch: Statt der angenommenen 34 kg Stickstoff/t Raps seien 50 bis 56 kg praxisüblich, der Faktor für Lachgas liege aber nicht bei 1,0, sondern nur bei 0,6 Prozent. Zu diesem Schluss kommen die Wissenschaftler durch Anwendung einer neuen, differenzierteren Methodik nach Stehfest/Bouwman (2006). Sie appellieren, künftig diese Methode mit realistischen Werten anzuwenden, damit Raps-Biodiesel nicht schlechter abschneidet als nötig und auch künftig eine Chance auf dem Biokraftstoffmarkt hat. Dieses vom BMEL geförderte Verbundvorhaben wurde zusätzlich durch die Union zur Förderung von Öl- und Proteinpflanzen e. V. (UFOP) unterstützt.

In einem dritten, im August neu gestarteten Projekt untersucht die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern (LFA), ob und in welchem Maße sich mit den großkörnigen Leguminosen Ackerbohnen und Blaue Lupinen als Beisaat im Winterrapsanbau der Mineraldüngeraufwand und die damit verbundenen THG-Emissionen reduzieren lassen. Die Forscher wollen analysieren, wie gut der Raps den von den Leguminosen fixierten Stickstoff verwerten kann. Sie betrachten auch Effekte wie eine bessere Phosphorverfügbarkeit und die Unkrautunterdrückung durch Lupine und Ackerbohne. Erste Versuchsergebnisse aus Frankreich und Brandenburg deuten auf eine mögliche Einsparung von ca. 15 bis 30 kg Stickstoff/ha hin.

Treibhausgasbilanz für die Prozesse der Produktion von Biodiesel (Rapsölmethylester (RME)), berechnet nach der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (EU-RED, linke Säule) sowie nach der EU-RED unter der Annahme optimierter, emissionsarmer Düngerproduktion und nach den Ergebnissen des TI-Verbundes zur düngungsinduzierten N2O-Feldemission (Optimiert, rechte Säule). Bild: Thünen Institut
Treibhausgasbilanz für die Prozesse der Produktion von Biodiesel (Rapsölmethylester (RME)), berechnet nach der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU (EU-RED, linke Säule) sowie nach der EU-RED unter der Annahme optimierter, emissionsarmer Düngerproduktion und nach den Ergebnissen des TI-Verbundes zur düngungsinduzierten N2O-Feldemission (Optimiert, rechte Säule). Bild: Thünen Institut
  • ZALF-Verbund zu Mais: FKZ 22021008 und weitere
  • TI-Verbund zu Raps: FKZ 22403212 und weitere
  • LFA-Projekt zu Winterraps und Leguminosen: FKZ 22401015

Biomasse produzieren, Recht auf Nahrung wahren: Projekt „Food Security Standard“

Zertifizierungs-Systeme für die nachhaltige Produktion von Biomasse gibt es viele. Die Frage der Ernährungssicherheit berücksichtigen sie bislang jedoch kaum, auch wenn sie in Ländern zertifizieren, in denen Hunger herrscht. Die wenigen existierenden Vorschläge werden in der Praxis noch nicht angewandt, da sie i. d. R. sehr komplex sind. Hier setzen die Welthungerhilfe, der WWF und die Universität Bonn an: Sie wollen bestehende Systeme im Biomasse-Bereich durch Kriterien ergänzen, die das Menschenrecht auf angemessene Ernährung (nach der Definition der FAO auf dem World Food Summit 1996) sicherstellen. In einem Vorläuferprojekt haben die drei Projektpartner bereits den konzeptionellen Rahmen und 45 konkrete Kriterien entwickelt bzw. aus bestehenden Standards übernommen. Im seit Mai 2017 laufenden Vorhaben geht es nun darum, diese Kriterien in regulär laufende Zertifizierungsprozesse zu integrieren und zu erproben. Dies erfolgt an Standorten, an denen bereits Biomasse für den Weltmarkt produziert wird. Große Nachhaltigkeitsstandards wie International Sustainability and Carbon Certification (ISCC), Roundtable on Sustainable Palmoil (RSPO) und Cotton made in Africa kooperieren mit dem Projektteam und wollen den neuen Food Security Standard (FSS) unter realen Bedingungen prüfen. In Bolivien und Guatemala soll der FSS seine Praxistauglichkeit im Zuckerrohranbau beweisen, und zwar sowohl bei Kleinbauern als auch auf Plantagen. In der Côte d’Ivoire wird der kleinbäuerliche Baumwollanbau einbezogen. Ein Pilot ist im Kakaoanbau in Sierra Leone geplant, und in Malaysia und Indonesien geht es um den Ölpalmen-Anbau.

Ist der FSS erfolgreich, gilt es, ihn in der Breite bekannt zu machen. Auf der Arbeitsagenda des Projektes steht deshalb auch die Ansprache wichtiger weiterer Stakeholder aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Nur mit einem breiten Bündnis lässt sich das Primat der Ernährungssicherung in der Bioökonomie einhalten.

 

 

 

 

Baumwoll-Farm in der Côte d’Ivoire. Foto: WHH/Schneider
Baumwoll-Farm in der Côte d’Ivoire. Foto: WHH/Schneider

Neues Projekt zu Arzneipflanzen und Bestäubern: Höhere Erträge und mehr Biodiversität erwartet

Was im kommerziellen Obst- und Gemüseanbau schon länger Praxis ist, will die Universität Bonn nun auch für den Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen entwickeln: ein Management-System zur gezielten Bestäubung durch Insekten. So wie Gärtner Hummelkolonien per Versandhandel bestellen, die im Gewächshaus Tomaten bestäuben, ist Ähnliches auch beim Anbau von Fenchel, Thymian & Co. denkbar. Die Forscher erwarten höhere und womöglich auch qualitativ bessere Erträge, mehr Biodiversität und Vorteile für benachbarte Kulturen bis hin zu ganzen Agrarökosystemen.

Zunächst will das Projektteam auf Versuchsflächen mit den Modellkulturen Fenchel, Lein und Bohnenkraut das Spektrum der Blütenbesucher und –bestäuber erfassen. Durch Versuche mit Isolierkäfigen im Vergleich mit Freilandparzellen wird ermittelt, wie groß der Einfluss der Insekten auf die Erträge und die Qualität der Ernteprodukte tatsächlich ist. Lassen sich relevante Bestäuber durch Nisthilfen oder zusätzliche Nahrungsquellen in Form von Blühstreifen fördern? Wie positiv wirken sich die Arznei- und Gewürzpflanzenflächen mit ihren Bestäubern auf benachbarte Kulturen aus? Können sie auch großräumigere Agrarökosysteme positiv beeinflussen? Und wie stellt sich das Insektenspektrum auf den Versuchsflächen im Vergleich zu dem auf Blühstreifen als typischer Agrarumweltmaßnahme dar? Auch diese Fragen wollen die Forscher beantworten. Die Gesamtergebnisse sollen schließlich in Form von Praxisanleitungen in die Breite getragen werden.

Ein internationales Forscherteam hat ihn jüngst bestätigt, den starken Rückgang der Insektenzahlen in Teilen Deutschlands in den letzten 27 Jahren. Der Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen könnte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dem etwas entgegen zu setzen. Im Bild die Schwebfliege Episyrphus balteatus auf einer Leinblüte. Foto: Birgit Bierschenk
Ein internationales Forscherteam hat ihn jüngst bestätigt, den starken Rückgang der Insektenzahlen in Teilen Deutschlands in den letzten 27 Jahren. Der Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen könnte einen kleinen Beitrag dazu leisten, dem etwas entgegen zu setzen. Im Bild die Schwebfliege Episyrphus balteatus auf einer Leinblüte. Foto: Birgit Bierschenk

Vorträge der 3. Tagung „Arzneipflanzenanbau in Deutschland“ als e-Book erschienen

Um allen am Thema Arzneipflanzen interessierten Landwirten, Erstverarbeitern, Händlern und Herstellern eine Gesprächsplattform zu bieten, veranstaltete die FNR bereits zum dritten Mal die Tagung „Arzneipflanzenanbau in Deutschland – mit koordinierter Forschung zum Erfolg“. Rund 90 Teilnehmer kamen am 20. und 21. Juni ins bayerische Schweinfurt. Sie hörten und diskutierten Vorträge zu aktuell laufenden Forschungsprojekten und zu Anbau- und Erzeugerverbänden. Außerdem nahmen sie an einer Exkursion in das besonders artenreiche Kräuteranbaugebiet Schwebheim teil.

Interessierte können die Vorträge in Band 56 der Reihe ‚Gülzower Fachgespräche‘ nachlesen. Der nur als e-Book verfügbare Band steht auf fnr.de in der Mediathek zum Download bereit.

Pflanzliche Rohstoffe für Pharmazie & Co. leisten einen zwar kleinen, nichtdestotrotz wertvollen Beitrag zur Umsetzung einer biobasierten Wirtschaft. Sie stehen für Spezialwissen, hohe Wertschöpfung, höchste Qualitätsanforderungen und ein besonders breites Anbauspektrum. Gleichzeitig steigt die Nachfrage der Gesellschaft nach pflanzlichen Alternativen im Gesundheits- und Kosmetiksektor. Derzeit wird der Bedarf der pharmazeutischen, kosmetischen und Nahrungsergänzungsmittelindustrie nach pflanzlichen Rohstoffen erst zu 15 Prozent aus heimischem Anbau gedeckt. Das Interesse der Weiterverarbeiter an zusätzlicher Ware aus Deutschland ist vorhanden.

Bienenfreundliche Energiepflanzen in den agrarKIDS oder ‚Wie erreiche ich die Eltern?‘

Kinder über nachwachsende Rohstoffe informieren hat Tradition bei der FNR. Im Idealfall erreichen Bauer Hubert & Co. nicht nur den Nachwuchs, sondern auch die Eltern. Dass dies funktionieren kann, zeigt das Beispiel unseres 2008 in der Kinderzeitschrift GEOlino veröffentlichten Quartetts: Ein süddeutscher Landwirt wurde darüber auf die Durchwachsene Silphie aufmerksam. Inzwischen baut er mit einem weiteren Landwirt über 100 Hektar der Dauerkultur für eine Biogasanlage an, weitere 1.100 Hektar Silphie etablierte der Betrieb 2017 bei externen Partnern!

Mit dem Thema „Alternative, bienenfreundliche Energiepflanzen“ hat sich die FNR nun erneut an junge Leser gewandt: In der September-Ausgabe der Zeitschrift agrarKIDS erschien unser Artikel „Ihr braucht mich“. Er erläutert die wichtige Rolle der Honigbienen als Bestäuber und zeigt auf, wie Landwirte die Nützlinge mit lange blühenden Energiepflanzen wie Silphie, Sida, Sonnenblumen oder Wildpflanzen unterstützen können.

agrarKIDS vermittelt der Altersgruppe 5 – 13 die Themen Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft kindgerecht, dabei detailliert und fachlich fundiert. In der Oktober-Ausgabe von agrarKIDS wurden außerdem die Bauer-Hubert-Geschichten zu nachwachsenden Rohstoffen vorgestellt. Im Gewinnspiel des Heftes gab es verschiedene FNR-Materialien wie das Quartett, die Hubert-Bücher, die CD Nawaro – na klaro und ein Rätselheft als Preise zu gewinnen. Vielleicht erreichen wir so nebenbei ja auch wieder einige Eltern...

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