Infobrief der FNR 03 / 2021: Nachhaltige Erzeugung

Mit Nawaro die Landwirtschaft diversifizieren und Mehrnutzungsstrategien verfolgen

Nachwachsende Rohstoffe bieten viele Ansatzpunkte, um die Landwirtschaft vielfältiger zu gestalten und neben der Produktion von Agrargütern weitere wichtige, umweltbezogene Ziele zu verfolgen. In einer Gesprächsrunde, die die FNR auf der 50. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie organisierte, wurden insbesondere Energie- und Rohstoffpflanzen thematisiert, die zugleich die Biodiversität erhöhen können. Dabei benannte Professor Jens Dauber, Leiter des Thünen-Instituts für Biodiversität, drei wichtige Baustellen, um die Artenvielfalt in der Landwirtschaft zu erhöhen: kleinere Parzellen, diversere Fruchtfolgen und hochwertige Saum- und Randstrukturen. „Bei der Erweiterung von Fruchtfolgen nur mit Nahrungs- und Futterpflanzen stoßen wir aber an Grenzen. Hier sind nachwachsende Rohstoffe eine willkommene Ergänzung. Insbesondere Dauerkulturen schaffen mehr Blühangebote und Bodenruhe im Winter“, so Dauber. Er berichtete aus dem laufenden Forschungsprojekt FInAL. In dem vom BMEL über die FNR geförderten Vorhaben erproben Forscher gemeinsam mit Landwirten Maßnahmen, die insektenfreundlich und gleichzeitig praktikabel und sinnvoll für die Betriebe sind. Aufgrund der zunehmenden Wetterextreme seien die Landwirte offen dafür, Neues auszuprobieren, sagte Dauber. Einige der Partnerbetriebe im bayerischen Rottal hätten in diesem Jahr Totalausfälle im Mais durch Hagel erlebt. Als Lösungsansätze werden dort nun Dauerkulturen wie die Durchwachsene Silphie oder Ackergras als Biogassubstrate angedacht. „Unsere Daten zeigen, dass diese mehrjährigen Kulturen Nutzarthropoden (räuberische Insekten wie Laufkäfer oder Spinnen, die sich von Schädlingen ernähren) fördern, die auch in benachbarte Kulturen einwandern. Die Landwirte haben großes Interesse an dieser Form von biologischem Pflanzenschutz“, so Dauber.

Frank Wagener vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement (IfaS) brach bei der FNR-Gesprächsrunde eine Lanze für Agroforstsysteme, insbesondere im Kontext Gewässerschutz. Einen Gewässerschutzstreifen lediglich zu begrünen und zu mulchen, sei viel zu kurz gedacht, meinte er. Stattdessen würden sich hier, wie auch generell auf Acker- und Grünland, Agroforstsysteme als hochdiverse Mehrnutzungssysteme anbieten. Sie können Nahrung (Obst- und Nussbäume), Energie (schnellwachsende Baumarten), Wertholz (Wertholzbaumarten als Überhälter), Erosions- und Gewässerschutz, Klimaschutz (Kohlenstoffbindung und Humusaufbau), Biodiversität und Biotopverbund (Beimischung standortgerechter Gehölze), positive Effekte für die dazwischenliegenden Kulturen und ein Einkommen für den Landwirt liefern. In Hanglagen können Agroforstsysteme auch zum Hochwasserschutz beitragen. Nicht zuletzt helfen sie potenziell, mehr Akzeptanz für staatliche Vorgaben im Gewässerschutz im Zuge der GAP oder der EG-Wasserrahmen-Richtlinie zu schaffen. Noch hakt die Umsetzung dieser Richtlinie stark, auch, weil zu wenige Landeigentümer Flächen für eine ökologische Aufwertung von Gewässern bereitstellen wollen.

Die Rahmenbedingungen für die Agroforstwirtschaft müssen nun in Deutschland schnell verbessert werden, forderte Wagener.

Multifunktionale Landnutzung

Multifunktionale Landnutzung: Agroforstsystem mit Energieholz (Pappel und Erle) als produktiver, artenreicher Retentionsraum für den Hochwasserschutz in der Bachaue. Foto: F. Wagener, IfaS

Gärrest-Dünger optimal einsetzen

Die Anforderungen an das Gärrest-Handling steigen durch strengere Vorgaben beim Emissions-, Gewässer- und Klimaschutz, etwa im Zuge der neuen Dünge-Verordnung. Gleichzeitig stellen Gärreste einen wertvollen Dünger dar. Ihr Einsatz bietet sich insbesondere in Regionen mit wenig Tierhaltung an und kann dort Mineraldünger ersetzen – ein Potenzial, das bislang nicht voll ausgeschöpft wird. In diesem Spannungsfeld bewegen sich drei neue Forschungsprojekte, die vom BMEL über die F gefördert werden. Die Forscher wollen Landwirte, Berater und weitere betroffene Akteure bei der Aufbereitung und emissionsarmen Anwendung von Gärrest-Düngern mit konkreten Handlungsanweisungen unterstützen. Es geht aber auch darum, die Rolle von Biogasanlagen als Systemdienstleister für Nähr- und Reststoffmanagement und Klimaschutz zu stärken.

Im Vorhaben NAEHRWERT bewerten das Deutsche Biomasseforschungszentrum, die FH Münster und das 3N-Kompetenzzentrum systematisch etablierte und neue Verfahren zur Gärrestaufbereitung hinsichtlich Kosten und Machbarkeit.

Das Thünen-Institut und das Julius-Kühn-Institut analysieren im Vorhaben RESOURCE verschiedene Düngungsstrategien in gärrestaufnehmenden und –abgebenden Regionen bezüglich ihrer Stickstoff(N)-Effizienz, der gasförmigen N-Emissionen (Lachgas und Ammoniak) sowie der Nitratauswaschung. Dabei erfassen die Wissenschaftler erstmalig sämtliche N-Emissionspfade in dieser eingehenden Form.

Im Projekt SiGaer ermittelt das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg (LTZ), wie man die Durchwachsene Silphie bedarfsgerecht mit Gärresten düngt.

Links:

Eine ausführlichere Darstellung der einzelnen Projekte finden Sie hier.

NAEHRWERT: 2220NR255A; 2220NR255B; 2220NR255C

RESOURCE: 2220NR018A; 2220NR018B

SiGaer: 2220NR086X

Gärrestausbringung im besonders nährstoffeffizienten und emissionsarmen Strip-Till-Verfahren. Foto: Daniel Saß

Gärrestausbringung im besonders nährstoffeffizienten und emissionsarmen Strip-Till-Verfahren. Foto: Daniel Saß

Die Einhaltung des Menschenrechts auf Nahrung in landwirtschaftlichen Lieferketten überprüfen

Die Welthungerhilfe, der WWF und die Universität Bonn haben mit dem Food Security Standard (FSS) einen Baustein für Zertifizierungssysteme entwickelt, mit dem Unternehmen ihr Augenmerk auf das Menschenrecht auf Nahrung richten können. Die Projektpartner testeten in der vierjährigen Projektlaufzeit erfolgreich die Kriterien, Indikatoren und Werkzeuge für den neuen Standard. Dabei kooperierten sie mit lokalen Produzenten und etablierten Zertifizierungssystemen wie ISCC, RSPO, CmiA und UTZ/Rainforest Alliance. Der Fokus der Pilot-Audits lag besonders auf ernährungsunsicheren Regionen in Afrika, Lateinamerika und Asien. Mit dem FSS lässt sich beispielsweise überprüfen, ob gesetzliche Vorgaben für Ernährungssicherheit eingehalten und Maßnahmen ergriffen werden, um für das Unternehmen arbeitenden Menschen einen besseren Zugang zu angemessener Ernährung zu ermöglichen. Es wird auch betrachtet, ob die Wasserrechte der umliegenden Gemeinde respektiert werden und Beschwerdemechanismen vorhanden sind. „Ein geeignetes Instrument, um zur Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung beizutragen“, bestätigt Dr. Eva Ursula Müller, zuständige Abteilungsleiterin im BMEL.

Mit den zunehmenden Bemühungen hin zu einer stärker biobasierten Wirtschaft steigt die Nachfrage nach Biomasse für Energie und Industrie. Laut der OECD-Leitprinzipien für nachhaltige landwirtschaftliche Lieferketten ist die Ernährungsunsicherheit eines der größten Risiken bei dieser Entwicklung. In diesem Kontext kommt dem FSS eine besondere Bedeutung zu. Der Zertifizierungsbaustein ist so konzipiert, dass er in jeden bestehenden Nachhaltigkeitsstandard im Agrarsektor integrierbar ist. Er lässt sich für alle landwirtschaftlichen Produkte, Betriebsgrößen und Betriebstypen anwenden.

Ölpalmenanbau in Sumatra/Indonesien

Ölpalmenanbau in Sumatra/Indonesien. Foto: FSS/Welthungerhilfe/WWF Deutschland/ZEF Universität Bonn

Online-Tool „GRAS“ optimiert: Rohstoffanbau ohne Gefährdung wertvoller Wälder, Moore oder Grasländer

GRAS steht für Global Risk Assessment Services und ist seit 2015 auf www.gras-system.org kostenlos verfügbar. Das Instrument liefert Flächeninformationen insbesondere für Nachhaltigkeits-Zertifizierungen, egal ob im Bereich Bioenergie, biobasierte Produkte oder Nahrungs- und Futtermittel. Inzwischen deckt GRAS Anbauregionen in 62 Ländern ab, in denen das Risiko des Kohlenstoff- und Biodiversitätsverlustes durch eine nicht-nachhaltige, landwirtschaftliche Produktion besonders hoch ist. Hier können sich Nutzer für die sie interessierenden Flächen Informationen zur Biodiversität, zur Kohlenstoffspeicherung, zur Historie der Landnutzung und zu sozialen Aspekten (z. B. Ernährungssicherheit, indigene Bevölkerung) anzeigen lassen. Zeitreihenanalysen von Satellitenbildern, über die sich Landnutzungsänderungen erkennen lassen, sind eines der zentralen Werkzeuge von GRAS.

In einem vierjährigen Projekt verbesserten die Entwickler ihr Tool weiter, indem sie u. a. die Daten neuester Satelliten-Generationen verfügbar machten. Moderne Satelliten liefern, je nach Ort und Plattform, Aufnahmen in Intervallen von einem bis max. 16 Tagen. So lassen sich zum Beispiel Rodungen zeitlich sehr genau eingrenzen. Das GRAS-Team entwickelte innerhalb des Projekts spezielle Algorithmen und Cloud-Lösungen, die die enormen Datenmengen effizient und zuverlässig verarbeiten können. Mit Hilfe von LiDAR- und Radardaten entstanden zudem Kohlenstoff- und dreidimensionale Waldkarten.

Als neue Option wurde ein Feuer-Warnsystem integriert, das Nutzer über auftretende Brände in ihren Beobachtungsgebieten informiert. Feuer können Indikatoren für Brandrodungen und anschließende Landnutzungsänderungen sein.

Außerdem entwickelten die Experten eine grundsätzliche Methodik, um die Nachhaltigkeit der Produktion von Kleinbauern erfassen und in internationale, zertifizierte Lieferketten integrieren zu können. Das System ermöglicht u. a. Gruppenzertifizierungen, die sich für Kleinbauernkooperativen anbieten. Die dafür entwickelten Konzepte stehen für weitere Pilotanwendungen mit Marktteilnehmern zur Verfügung.

Satellitenbilder sind ein zentrales Element von GRAS. Im Downloadbereich unter der Pressemitteilung steht dieses Bild auch mit Erläuterung der Aufnahmen zur Verfügung. Bild: GRAS GmbH 2021

Satellitenbilder sind ein zentrales Element von GRAS.

Im Downloadbereich unter der Pressemitteilung steht dieses Bild auch mit Erläuterung der Aufnahmen zur Verfügung. Bild: GRAS GmbH 2021